Forschung
Aktuelle Projekte
Eine grundlegende Annahme in der Psychologie und den Verhaltenswissenschaften besagt, dass Menschen von Natur aus den Weg des geringsten Widerstands wählen – ein Prinzip, das als „Gesetz des geringsten Aufwands" bekannt ist. Unsere Forschung stellt diese Sichtweise in Frage. So konnten wir beispielsweise in einer Reihe von Labor- und Online-Studien zeigen, dass Anstrengung selbst einen intrinsischen Wert erlangt, wenn Belohnungen direkt an kognitive Leistung geknüpft sind: Menschen suchen anschließend aktiv nach anspruchsvolleren Aufgaben, selbst wenn keine Belohnung in Aussicht steht. Entscheidend ist, dass diese Veränderung nicht nur auf der Verhaltensebene stattfindet. Teilnehmende zeigten nach dem Erbringen von Anstrengung auch positivere Gesichtsmuskelbewegungen, was darauf hindeutet, dass die individuelle Lerngeschichte grundlegend beeinflussen kann, wie sich Anstrengung anfühlt. Zusammengenommen zeigen diese Befunde, dass das menschliche Verhältnis zur Anstrengung weitaus flexibler ist als bislang angenommen – und dass Anstrengung unter den richtigen Bedingungen zu etwas werden kann, das Menschen tatsächlich anstreben.
Eine zweite wichtige Forschungslinie unseres Labors untersucht, wie alltägliche Überzeugungen von Menschen über Motivation ihr Verhalten prägen – und dabei oft wie sich selbst erfüllende Prophezeiungen wirken. Wir konnten nachweisen, dass Überzeugungen über Willenskraft (ob sie eine begrenzte oder unbegrenzte Ressource darstellt) nicht nur die Selbstkontrollleistung beeinflussen, sondern auch darüber entscheiden, ob Menschen anspruchsvolle Aufgaben aktiv aufsuchen oder vermeiden. Ergänzend dazu haben wir ein Messinstrument für „Anstrengungsgenussüberzeugungen" entwickelt und validiert – also für die Alltagstheorien von Menschen darüber, ob Anstrengung von Natur aus angenehm oder unangenehm ist – und gezeigt, dass diese Überzeugungen Präferenzen für Aufgabenschwierigkeiten, kardiovaskuläre Marker des Anstrengungseinsatzes sowie reale akademische Ergebnisse vorhersagen. Über die individuelle Ebene hinaus hat unsere Forschung Willenskraftüberzeugungen mit Beziehungsqualität und sozialer Unterstützung in Paaren, umweltfreundlichem Verhalten sowie länderübergreifenden Unterschieden in Burnout und Gesundheit in Verbindung gebracht. Darüber hinaus haben wir diesen Rahmen auf allgemeinere Weltanschauungsüberzeugungen ausgeweitet und gezeigt, dass die Frage, ob Menschen die Welt als unveränderlich oder formbar betrachten, vorhersagt, wie sie auf große gesellschaftliche Herausforderungen wie die COVID-19-Pandemie oder Umweltprobleme reagieren. Insgesamt unterstreicht dieses Forschungsprogramm, dass Alltagsüberzeugungen ein wirksamer und bislang unterschätzter Einflussfaktor für Motivation, Bewältigung und Wohlbefinden in vielfältigen Lebensbereichen sind.
Eine dritte Forschungslinie unseres Labors untersucht, wie soziale Identitäten die Zielverfolgung beeinflussen und wie gezielte „Wise Interventions" dazu beitragen können, Ungleichheiten in Lebensergebnissen zu verringern. Ein Schwerpunkt liegt auf Erstakademiker*innen – also Studierenden, deren Eltern keinen Hochschulabschluss haben. Hier haben wir einen neuartigen Mechanismus identifiziert, der zu deren akademischen Nachteilen beiträgt: Diese Studierenden neigen dazu, sich selbst als weniger intellektuell begabt wahrzunehmen als ihre Kommilitoninnen und Kommilitonen, unabhängig von ihrer tatsächlichen Leistung, und diese Selbstwahrnehmung untergräbt ihre Motivation und ihr Engagement. Dieser Effekt ist besonders ausgeprägt bei Erstakademiker*innen, die gleichzeitig zwei intellektuell stigmatisierte Identitäten tragen. Wichtig ist, dass wir zeigen konnten, dass anstrengungsorientierte Umgebungen diesen Dynamiken entgegenwirken können. In einem zweiten Strang dieser Forschung entwickeln und erproben wir Identitäts-Reframing-Interventionen, die stigmatisierende Narrative herausfordern, etwa indem Geflüchtete oder Erstakademiker*innen nicht als defizitär dargestellt werden, sondern als resiliente Menschen, die angesichts widriger Umstände echte Stärke bewiesen haben. In großen randomisierten kontrollierten Feldstudien getestet, haben diese Interventionen bedeutsame Wirkungen in der Praxis gezeigt, darunter verbesserte Noten über ein volles Semester bei Erstakademiker*innen sowie bessere Zielfortschritte bei Menschen mit Depressionen. Insgesamt verdeutlicht diese Forschung, dass kurze, psychologisch fundierte Interventionen, die darauf abzielen, wie Menschen sich selbst sehen, nachhaltige Konsequenzen für Motivation, Leistung und Wohlbefinden haben können.
Geförderte Projekte
Starke Akteure, statt schwache Opfer
Bauer, C. (Projektleiter*in) & Job Sutnar, V. (Co-Projektleiter*in)
1/02/22 → 31/01/25
Projekt: Forschungsförderung
Der Einfluss inhibitorischer Stärke auf Selbstkontrolle
Mlynski, C. (Projektleiter*in) & Job Sutnar, V. (Co-Projektleiter*in)
15/03/22 → 14/03/24
Projekt: Forschungsförderung
Identity (In)compatibility and pro-environmental behavior
Vitkovska, O. (Co-Projektleiter*in) & Bauer, C. (Projektleiter*in)
1/04/24 → 30/09/26
Projekt: Forschungsförderung